Stellungnahme der Föderation der Katholischen Familienverbände
in Europa (FAFCE) zur Mitteilung KOM (2005) 94 Grünbuch "Angesichts
des demografischen Wandels - eine neue Solidarität zwischen den Generationen".
Die Föderation der Katholischen Familienverbände in Europa
(FAFCE) befürwortet den von der Europäischen Kommission durch
das Grünbuch "Angesichts des demografischen Wandels - eine neue
Solidarität zwischen den Generationen" eingeleiteten Konsultationsprozess.
Die FAFCE nimmt zu den einzelnen Themen wie folgt Stellung:
Einleitung:
- Der Text der Mitteilung KOM (2005) 94 nimmt zu den Ursachen des demographischen
Defizits in Europa nicht ausdrücklich Stellung. Um adäquate
Lösungsansätze zu entwickeln, ist eine Ursachenanalyse aber
unumgänglich.
- Es ist davon auszugehen, dass die allgemeine Verbreitung von Verhütungsmittel
als wichtiger Faktor des Geburtenrückgangs angesehen werden kann.
- Als Vertreter der Katholischen Familienverbände in Europa möchte
die FAFCE die Bedeutung des Prinzips einer verantwortlichen Vater- und
Mutterschaft im Rahmen einer natürlichen Geburtenregelung unterstreichen.
- Die FAFCE fordert im Sinne der Gleichbehandlung, dass Veranstaltungsträger
und Projekte, die sich mit Methoden der natürlichen Geburtsregulierung
beschäftigen, im selben Maße durch öffentliche Subventionen
gefördert werden, wie diejenigen, die künstliche Methoden
der Empfängnisverhütung zum Inhalt haben.
- Unter keinen Umständen darf im Bereich der Sexualerziehung und
Aufklärung Abtreibung mit Empfängnisverhütungsmethoden
verwechselt werden.
- Die FAFCE ist der Ansicht, dass die europäische Ebene angemessen
ist für die Eröffnung einer Diskussion über den demografischen
Wandel und die Bewältigung seiner Folgen. Ziel müsste eine
Sicherungsspolitik für Jungfamilien sein (Beschäftigung, Einkommen,
Wohnversorgung, Kinderbetreuung, etc.); diese betrifft praktisch alle
Politikbereiche, besonders aber Wirtschafts- und Sozialpolitik einschließlich
Arbeitsmarktpolitik, Familienpolitik, Wohnbaupolitik und Bildungspolitik.
1. Die Herausforderung der demografischen Situation in Europa
Die Herauforderung einer niedrigen Geburtenrate
- Die FAFCE begrüßt die Förderung des Humanvermögens
durch die Europäische Kommission, fordert aber gleichzeitig, größere
Aufmerksamkeit der eigentlichen Entstehung des Humanvermögens zu
widmen, weil sie darin einen Lösungsansatz der Fragestellungen
im Kapitel 1.1. sieht. Die FAFCE definiert Humanvermögen als Zuwachs
an Sittlichkeit, Solidarität und Wertorientierung.
- Wir sind der Auffassung, dass diese Werte das Resultat erfolgreicher
Sozialisation und Erziehung sind, die am besten in einer stabilen und
funktionsfähigen Familie gelingt.
- Die FAFCE nimmt wahr, dass derzeit nur die individuelle Entwicklung,
die auf beruflichen Aufstieg abzielt, gesellschaftlich gefördert
wird. Hingegen sehen wir das Angebot an Vorbereitungsmöglichkeiten
auf die Partnerschaft und Elternschaft als nicht ausreichend gegeben
an.
1.1
- Die FAFCE nimmt in einigen Mitgliedsstaaten der EU einen Mangel an
bildungsadäquaten, finanziell leistbaren Kinderbetreuungssystemen,
die einer evaluierbaren Qualitätskontrolle unterliegen, wahr. Eine
bessere Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit wäre durch
den Ausbau der Kinderbetreuungsplätzen, die diesen Kriterien entsprechen,
gegeben und würde dazu beitragen, die Probleme des demografischen
Alterns zu lösen.
- Wir stellen nach wie vor ein Ungleichgewicht in der Aufteilung der
häuslichen und familiären Pflichten zwischen Männern
und Frauen fest. Eine stärkere Bewusstseinsbildung ist unabdingbar,
die über oben erwähnte Bildungsmaßnahmen erreicht werden
kann.
- Die FAFCE ist der Ansicht, dass das Angebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten
(Krippen, Vorschulen usw.) und Pflegemöglichkeiten für ältere
Menschen - sowohl durch öffentliche Einrichtungen als auch von
Privatunternehmen - am besten durch öffentliche Stützung und
Förderungen zu verstärken ist. Private Betreuungseinrichtungen
sollten besonders gefördert werden, um den individuellen Betreuungsbedürfnissen
der Eltern gerecht werden zu können.
- Wir meinen, dass ein verringerter Mehrwertsteuersatz für Dienstleistungen
im Bereich der Kinderbetreuung und der Pflege älterer Menschen
wesentlich dazu beitragen kann, das Angebot an derartigen Betreuungsmöglichkeiten
zu erhöhen.
- Nachdem in den letzten Jahrzehnten die Familiensysteme an die Erfordernisse
an die Wirtschaft angepasst wurden, wäre nunmehr eine Anpassung
der Wirtschaft an die Erfordernisse der Familien notwendig. Wir fordern
diesbezüglich flexiblere Arbeitszeitmodelle, eine europaweite Anpassung
der Karenzregelungen, die den bestmöglichen Kündigungsschutz
für Mütter und Väter beinhalten, die Sicherstellung der
entsprechenden Kinderbetreuung (siehe oben).
- Die FAFCE weist darauf hin, dass in Frankreich die finanziellen Familienzulagen,
sowie die Strukturen der Kinderbetreuung mit steuerlichen und anderen
Vorteilen vernetzt sind. Gleichzeitig verzeichnet Frankreich die zweithöchste
Geburtenrate im gesamten EU-Raum. Das französische Modell der Familienförderung
sollte als "best-practise"-Beispiel für die anderen Mitgliedstaaten
gelten.
- Wir orten im Problem, eine adäquate Wohnung zu finden, einen
wichtigen Faktor, der in der Realisierung des Kinderwunsches ausschlaggebend
ist. Die nationale, regionale und kommunale Wohnbaupolitik ist angehalten,
das Wohnungsangebot der Nachfrage angemessener in Bezug auf Größe
und Kosten anzugleichen. Der Zugang zu Wohneigentum sollte Familien
durch Zinserleichterungen ermöglicht werden.
1.2 Der mögliche Beitrag der Zuwanderung
- Die FAFCE ist der Auffassung, dass Zuwanderung nicht das geeignete
Mittel gegen die Auswirkungen der Bevölkerungsalterung darstellt.
Struktur verändernde Maßnahmen, wie oben erwähnte Unterstützungen
von Jungfamilien, müssen stattfinden.
- In der Schaffung eines Rechte- und Pflichtenkataloges für Migranten
und für das Aufnahmeland sehen wir eine notwendige politische Maßnahme,
um Zuwanderer, insbesondere die jungen Menschen, besser zu integrieren.
Die Gemeinschaftsinstrumente sollten dafür entsprechende Rahmenbedingungen
schaffen.
- Die FAFCE fordert eine zielgerichtete Einwanderungspolitik, wobei
bedacht werden muss, dass sich die Geburtenrate dieser Bevölkerungsgruppe
in der zweiten Generation in den meisten Fällen an die des Gaststaates
angleicht.
2. Eine neue Solidarität der Generationen
2.1 Bessere Integration von Jugendlichen
- Die FAFCE sieht in der Steuerfreistellung des Existenzminimums pro
Familienmitglied, die in die Methode der offenen Koordinierung eingebracht
werden könnte, einen entscheidenden Impuls zur Bekämpfung
der Kinderarmut und der Armut von Ein-Eltern-Familien.
- Wir nehmen wahr, dass Berufsausbildungen im Allgemeinen zu lange dauern,
was einen späten Berufseinstieg zur Folge hat. Die europäischen
Bildungssysteme sollten dahingehend reformiert werden, dass Ausbildungsmodule
zu Beginn verkürzt und im späteren Berufsleben integriert
werden. Damit hätten junge Paare früher die Möglichkeit,
ihren Kinderwunsch zu realisieren und die Chance auf weitere Kinder
würde erhöht werden.
- In der Berufsausbildung hat sich ein duales Ausbildungssystem in einigen
EU-Ländern als effektiv erwiesen. In diesem werden Auszubildende
zum größeren Teil der Zeit in einem Ausbildungsbetrieb und
zum kleineren Teil in der Schule ausgebildet. Die FAFCE schlägt
daher vor, die Erfahrungen dieses dualen Bildungssystems als "best
practice" Beispiele auf europäischer Ebene zu evaluieren und
gegebenenfalls zur Adaptierung anzubieten.
- Im Bereich der Erwachsenenbildung erachtet die FAFCE öffentliche
Förderungen sowohl der Erwachsenenbildungsinstitute als auch eine
Individualförderung für notwendig. Im Hinblick auf die seitens
der EU gewünschte Intensivierung des lebenslangen Lernens ist auf
die individuellen Voraussetzungen und Neigungen einzugehen, da nur ein
positiver persönlicher Zugang einen nachhaltigen Lernprozess möglich
macht. Gleichzeitig ist auch auf die Qualität von Bildungseinrichtungen
Wert zu legen, die einen Prozess des lebenslangen Lernens begleiten
können. Auch in diesem Bereich schlägt die FAFCE die Etablierung
von Qualitätsstandards vor.
- Die FAFCE ist der Auffassung, dass die EU den Dialog mit der Zivilgesellschaft
betreffend des Überganges zwischen Schule und Erwerbsleben deshalb
strukturieren sollte, weil Jugendorganisationen optimale Strukturen
mitbringen, als Träger eines arbeitsmarktorientierten Kommunikationsprozesses
zwischen Jugendlichen und europäischen Institutionen zu fungieren.
Die Zivilgesellschaft kann innovative Arbeitsmarktimpulse europäischer
Institutionen motivierend in die Zielgruppen einführen und gelangt
leichter zu einer entsprechenden Evaluierung.
- Wir sehen in der Stärkung der familialen Netzwerke oder in generationsübergreifenden
Wohngemeinschaften, die Betreuungsleistungen inkludieren, (z. B. bei
Studenten/innen) Formen der Solidarität zwischen Jugendlichen und
älteren Menschen.
2.2 Ein globales Konzept eines "Erwerbslebenszyklus"
- Für die FAFCE besteht ein Lösungsansatz, älteren Menschen
mehr Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten, in der Eingliederung
in Kinderbetreuungssysteme wie etwa einem "Oma-Opa-Dienst",
oder durch Job-Sharing bei älteren Arbeitnehmern/innen. Vollzeitbeschäftigung
soll vor allem bei strategischen Arbeitsplätzen für Jüngere
gegeben sein.
2.3 Ein neuer Platz für "Senioren"
- Für die FAFCE ist unter Wahrung der Rechtssicherheit ein flexibler,
schrittweiser Übergang ins Rentenalter denkbar.Die Beteiligung
der "Senioren" am wirtschaftlichen und sozialen Leben lässt
sich durch eine Teilung von Arbeitsplätzen (Job-Sharing) ermöglichen.
- Um Anreize für die Wirtschaft zu schaffen, auf die Erfahrung
älterer Arbeitnehmer/innen zurückzugreifen und sie im Arbeitsprozess
zu belassen, wären Auditierungen von Betrieben durch öffentliche
Stellen förderlich (z.B. "Nestor" in Österreich)
- Die FAFCE erachtet den Ausbau der Gesundheitsstatistik als sinnvolle
Investition in Gesundheit und Prävention, damit die Europäer
weiterhin eine steigende Lebenserwartung bei guter Gesundheit genießen
können.
- Die Beobachtungen zeigen, dass sich zwischen Großeltern und
Enkeln oft lebenswichtige Bindungen etablieren. Großeltern schenken
ihren Enkeln moralische und materielle Unterstützung sowie Zuneigung.
Die FAFCE schlägt deshalb vor, bei den öffentlichen Wohnungsbaukonzepten
eine gewisse Anzahl von modulierbaren Wohnungen zu erstellen, um eine
Annäherung der Generationen zu ermöglichen.
2.4 Solidarität mit den sehr alten Menschen
- Die FAFCE möchte darauf aufmerksam machen, dass in unseren Gesellschaften
die so genannte "Scharniergeneration" (mittlere Generation)
eine wichtige Rolle einnimmt. Sie hat gleichzeitig die Versorgung ihrer
eigenen Eltern zu übernehmen sowie durch die Verlängerung
der Lebenserwartung auch die ihrer Enkelkinder. Diese Scharniergeneration
muss Anrecht auf Unterstützung der Gesellschaft haben, um die Solidarität
zwischen den Generationen wahrnehmen zu können. Die FAFCE begrüßt
deshalb die Etablierung und Finanzierung von Tagespflegeheimen und Heime
mit längeren Aufenthaltsmöglichkeiten, um dieser Scharniergeneration
die Möglichkeit zu geben, zeitlich entlastet zu werden.
- Die FAFCE gibt zu bedenken, dass Überlastung, Unterbezahlung
und mangelnde Qualifikation die Hauptprobleme für die Versorgung
von sehr alten Menschen werden können. Wir schlagen daher vor,
dass Standards in der Qualifikation besser kontrolliert werden, dass
ausgebildetes, kompetentes Personal angemessener entlohnt wird und geeignete
Initiativen ergriffen werden, um Menschen für den Pflegeberuf zu
gewinnen. Begleitend müssen über Kampagnen die öffentliche
Wahrnehmung des Pflegebereichs verstärkt werden, was auf eine höhere
Anerkennung dieser Berufsgruppe abzielt.
- Um Familien nicht zu überfordern ist eine sehr bedachte und stützende
Förderung der Familien im Fall der Betreuung der älteren Generation
notwendig. Es ist damit zu rechnen, dass die "Ökonomie der
Nächstenliebe" (Hazel Henderson, 1989) in Zukunft nicht mehr
die Bedürfnisse aller decken kann. Wie in der Frage der Kinderbetreuung
muss von institutioneller Seite ein echter Lastenausgleich im Bereich
der Betreuung der älteren Generation geschaffen werden (steuerliche
Absetzbeträge, Anrechenbarkeit für die eigene Pension,
).
Fazit: welche Rolle für die Union
- Die FAFCE ist der Auffassung, dass die Union den Gedankenaustausch
und regelmäßige Analyse des demografischen Wandels und seiner
Auswirkungen auf die Gesellschaften und die einschlägigen Politikbereiche
in-stitutionalisieren sollte. Diesbezüglich schlägt die FAFCE
die Gründung eines Generationeninstitutes vor, mit der Aufgabe
der ständigen Analyse der Herausforderungen, die sich im künftigen
Verhältnis zwischen den Genera-tionen und der Rolle der Familien
ergeben.
- Die Finanzinstrumente der Union - insbesondere die Strukturfonds -
sollten diesen Wandel insofern stärker berücksichtigen, in
dem die einzelnen ESF-Programme einer regelmäßigen Evaluierung
bezüglich ihrer Auswir-kungen auf die Familien hin unterzogen werden.
Wenn beschäftigungsstrategische Maßnahmen keine Auswirkung
auf die strukturelle Verbesserung von Familien haben, ist ihr Nachhaltigkeitsfaktor
in Frage gestellt.
- Durch die Darstellung der speziellen Auswirkungen auf die einzelnen
Bereiche in Form von Studien und Expertisen kann die Dimension des demografischen
Wandels in alle internen und externen Politikbereiche der Union besser
integriert werden.
- In der Überzeugung, dass
- die harmonische Familie die beste Institution ist , in der Kinder
groß werden können;
- Familien mit Kindern heutzutage gegenüber Alleinstehenden und
kinderlosen Paaren wirtschaftlich benachteiligt sind;
- fruchtbare und stabile Familien deutlich zu dem Gemeinwohl beitragen;
- die demographische Katastrophe in Europa nur mit Hilfe von fruchtbaren
und stabilen Familien vermieden werden kann;
- ohne eine deutliche Unterstützung der Familien die Lisabon-Zielsetzungen
nicht erreichbar sind;
fordert die FAFCE, in der europäischen Gesetzgebung folgendes festzulegen:
- Zur Sicherstellung der Chancengleichheit von allen Kindern sollen
Maßnahmen gesetzt werden, die optimale Bedingungen der Kindererziehung
und -betreuung in der eigenen Familie sichern.
- Unterstützungsleistungen für Familien sollen derartig gestaltet
werden, dass eine steigende Kinderzahl Familien nicht wirtschaftlich
benachteiligt.
- Die unerlässliche soziale, kulturelle und gesellschaftliche Funktion
der fruchtbaren und stabilen Familien sollte sowohl in politischen Entscheidungen
der EU, die die Familien betreffen, als auch in den Familienpolitiken
der Mitgliedsländer anerkannt werden, um eine Benachteiligung der
Familien gegenüber allen anderen Bevölkerungsgruppen zu vermeiden.
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